Zirkusfamilie in Triebel lebt nach einem Überfall in ständiger Angst
Am Wochenende des 25./26.08.2006 wurde im vogtländischen Triebel bei Plauen Familie Q., Betreiber eines kleinen Familienzirkus´, vor ihrem Wohnhaus von ca. 25 Rechtsextremen überfallen und bedroht.
Zudem wurden in der gleichen Nacht das Zirkuszelt ebenso wie der örtliche Jugendklub fast vollkommen zerstört. Nur die Präsenz der herbeigerufenen Polizei konnte verhindern, dass es zu tätlichen Übergriffen kam. Laut Angaben der Polizei wurden von elf, z.T. einschlägig als Rechtsextreme bekannten Rechten die Personalien aufgenommen, einer – der Haupttäter – kurzfristig festgenommen. Nach sachsen- und bundesweiter Medienberichterstattungen zum Übergriff in Triebel, bei dem richtigerweise von einem rechtsextremistischen Überfall ausgegangen wurde, ließ die Polizeidirektion Chemnitz-Erzgebirge jedoch verlauten, es handele sich nicht um einen solchen politisch rechts motivierten Angriff. Schon länger anhaltende Streitigkeiten mit einigen Dorfbewohnern seinen Grund für die Eskalation am Tatabend. Die Zuständigkeit des Staatsschutzes begründete man damit, dass man wegen Landfriedensbruch ermittle.
Die AMAL-Mitarbeiter kommen nach intensiven Recherchen und mehreren Gesprächen mit der Familie zu einem eindeutig anderen Schluss. Die Familie Q., welche sich seit dem Sommer in dem Ort einquartiert hat, den ehemaligen Gasthof als Wohnhaus und ein leer stehendes LPG-Gelände angemietet hat, will in Triebel ihr Winterquartier beziehen, hat sogar vor, ständig zu bleiben und die angemieteten Grundstücke zu kaufen. Bereits nach nur wenigen Wochen kam es zu Bedrohungen und Beleidigungen, auch zu versuchter Körperverletzung, durch im Dorf bekannte Rechte. So bedrohte einer die Töchter der Familie Q. und stach mit einem Messer auf eine der Schwestern ein, die sich jedoch ducken konnte, unverletzt blieb und den Angreifer schließlich zurückstoßen konnte. Die Polizei wurde informiert und Anzeige erstattet. Rechte drohten sogar während der Anwesenheit der Polizei, man werde die Hütte der Familie abbrennen; auch soll „Sieg Heil!“ gerufen worden sein. Wenige Tage später wird der älteste Sohn von denselben Tätern mit einem Messer bedroht, die ihn zudem mit Bierflaschen bewerfen und ihn im Anschluss mit dem Auto durch das Dorf jagen. Auch hier wurde Strafanzeige erstattet. In Folge werden weiterhin mehrmals rassistische Drohungen gegen die Familie laut, zumeist mit Baseballschlägern aus Autos heraus.
Am eigentlichen Tattag informierten Jugendliche aus Triebel, dass Rechte ihnen gesagt haben, dass sie heute nicht in den Jugendklub gehen sollen, da man den Zirkus platt machen wolle. Ihnen, dem Jugendklub und dem Dorf geschehe nichts, man wolle nur den Zirkus und seine Leute. Daraufhin evakuierte Herr Q. seine Familie. Als noch immer keine Polizei kam, sich aber auch Drohungen gegen eine Bekannte verstärkten, sie solle die Q.´s herausgeben, brachte Herr Q. seine Mutter, Frau und die Kinder in eine Pension in die Nähe von Hof in Sicherheit. Als er gegen 22.30 Uhr wieder in Triebel ankam, waren neben ca. 15 Polizeikräften auch ca. 15 mutmaßlich rechte Jugendliche und Erwachsene lautstark Drohungen gegen die Familie richtend anwesend. Bspw. wollte man das Fahrzeug, in dem sich während dessen der Sohn versteckt hielt, abbrennen. Die Rechten wurden nur nach und nach von der Polizei zum Abziehen bewegt. Jedoch nicht ohne in Anwesenheit der Beamten weitere Drohungen und gar Naziparolen zu rufen. Von elf Angreifern stellte man Personalien fest, einer wurde vorübergehend festgenommen. Da die Polizei sich nicht in der Lage sah, Q. und dessen Eigentum die Nacht über zu schützen, wie sie ihm sagten, fuhren auch Herr Q. und sein Sohn in die Pension nach Bayern zurück. Polizei war nach Aussagen der Polizeidirektion bis ca. 01.30 Uhr im Ort.
Erst am Morgen nach der Rückkehr stellte Herr Q. die immensen Schäden am Zirkuszelt, die sich auf mindestens 20.000 € belaufen, und die Zerstörung des in unmittelbarer Nähe befindlichen Jugendklubs fest. Wann der Schaden am Zelt entstanden ist, kann derzeit nicht mit Bestimmheit gesagt werden. Fest steht, dass die Polizei den demolierten Jugendklub bereits gegen 23.00 Uhr des Vorabends registrierte. Also während der massiven Polizeipräsenz im Ort. Dorfbewohner berichteten, dass es bis mindestens 1.30 Uhr im Dorf zu mehrfachen lautstarken Ruhestörungen durch wahrscheinlich Jugendliche aus Autos heraus kam. Auch nach dem Übergriff wird die Familie, so berichtet sie, weiterhin von Rechten, wie den o.g. bedroht und beleidigt. Immer wieder auch durch rechtsextremistische Äußerungen.
Durch die massiven Übergriffe und Drohungen lebt die Familie in ständiger Angst. Dies belastet die Familienangehörigen psychisch schwer – eine Tochter erlitt einen Nervenzusammenbruch und wurde stationär behandelt. Darüber hinaus wurde auch ein immenser Sachschaden verursacht. Durch die Zerstörung des Zirkuszeltes ist die Familie ihrer Arbeitsgrundlage beraubt. Familie Q. erhält vor Ort bereits von vielen Einwohnern Unterstützung, Spenden wurden gesammelt. AMAL unterstützt diese Initiative und ruft zu weiteren Spenden auf, damit der Zirkus bald wieder gastieren kann.
Dazu steht das Spendenkonto des Projektes (AMAL - Hilfe für Betroffene rechter Gewalt e.V., Bank für Sozialwirtschaft, KNR: 360 56 01, BLZ: 850 205 00, Stichwort: Zirkus) zur Verfügung. Spenden werden umgehend an die Betroffenen weitergeleitet und sind steuerlich absetzbar. Wenn Sie Ihre Anschrift mitteilen, erhalten Sie eine Spendenbestätigung. Im Namen der Betroffenen dankt AMAL allen Spendern.
AMAL - Beratungsteam Wurzen, 25.9.2006
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