AMAL Sachsen

AMAL - Hilfe für Betroffene rechter Gewalt

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AMAL - Hilfe für Betroffene rechter Gewalt in den Jahren 2001-2008.
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Angstzonen in Sachsen – ein Augenzeugenbericht

Zur aktuellen Debatte um Angstzonen bzw. No-go-areas in Deutschland möchten wir mit dem Bericht einer Augenzeugin beitragen.

Die Schilderung einer Situation in einem Zug von Dresden nach Zittau am 7. Mai 2006 erreichte uns über das Meldesystem unserer Homepage. Sie wurde von einer 21-jährigen Frau verfaßt und scheint uns exemplarisch. Wir veröffentlichen sie mit dem Einverständnis der Zeugin ungekürzt.

Amal Sachsen - Hilfe für Betroffene rechter Gewalt-Formularmanager

Mail gesendet: 13.05.2006 - 17:49:03 von IP

------------wann------------
07. Mai 2006

------------wo------------
im Zug

------------was------------
Hallo liebes Amal- Team!
Ich wende mich an euch, weil ich letzte Woche Zeuge einer rechtsextremen Handlung geworden bin.
Ich saß wie jeden Sonntag im Zug aus Dresden Richtung Zittau. Schon am Bahnhof Neustadt in DD füllte sich mein Abteil mit vielen Fußballfans. Unter ihnen waren einige Rechte, die mir sofort auffielen. Ein paar Stationen später stieg ein Farbiger ein und nahm Platz. Es dauerte nicht lange, bis die Rechten zu pöbeln anfingen: der Schwarze steigt ja sowieso gleich aus, er hat kein Recht da zu sitzen, was er denn überhaupt in Deutschland mache und ob er auch ordentlich deutsch könne... weil er dort sitzt, kann sich das eine rechtsgesinnte Mädchen nicht hinsetzen (was völliger Quatsch war, zumal im Abteil zu dem Zeitpunkt wieder genügend Plätze frei waren, und das Mädchen, das im Übrigen keinen Ton sagte, nur nach einem Platz hätte fragen müssen).
Der Farbige reagierte ziemlich resolut, doch die Rechten hörten einfach nicht auf zu pöbeln. Sie rückten immer näher an ihn ran und schlugen ihm letzten Endes sogar seine Kappe aus dem Gesicht. Ich war völlig fassungslos und sagte, sie sollen ihn in Ruhe lassen. Der Farbige holte sein Handy raus und wollte die Polizei rufen. Er fragte mich, ob ich alles gesehen hätte, was ich bejahte. Er rief nicht die Polizei, sondern verließ das Abteil.
Die Rechten meinten zu mir, ich habe mich nicht einzumischen, das geht mich nichts an... ich hätte nichts gesehen und nichts gehört... ansonsten wäre ich die nächste, die aus dem Abteil fliegt. Ich hatte schon ziemlich Angst, da ich die einzige im Abteil war, die nicht rechts war. Im Beisein der Rechten traute ich mich nicht, die Polizei zu rufen... wer weiß, was die dann mit mir gemacht hätten. Aus dem Abteil konnte ich nicht, da ich mein Rad mithatte und da die restlichen Abteile voller betrunkener Fußballfans waren. Die Stimmung hätte sehr schnell hochkochen können.
Als ich in Zittau ausgestiegen bin, fragte ich den Farbigen noch mal, ob er zur Polizei gehen will. Er verneinte. Er sagte, es war das erste Mal, dass er so was erlebt hatte und dass er ziemlich geschockt war.

Ich bin ehrlich gesagt ziemlich ratlos. Einerseits möchte ich nicht alleine zur Polizei gehen, weil der Farbige selbst ja keine Anzeige wollte. Andererseits will ich diese rechtsextreme Handlung nicht einfach "unter den Tisch fallen lassen", weil es nicht sein darf, dass so etwas unbekannt und für die Täter ohne Konsequenzen bleibt. Die pöbeln und diskriminieren vielleicht fröhlich weiter, und schüchtern alle soweit ein, dass sich keiner traut, etwas dagegen zu tun.

------------kontakt------------
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Die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel bedeutet vor und nach Fußballspielen sicherlich ein größeres Risiko für Menschen mit dunkler Hautfarbe. Eine Warnung würden wir prinzipiell auch für den Besuch von Diskotheken sowie von Dorf-, Volks- und Stadtfesten aussprechen.

Einschränkend müssen wir allerdings sagen, daß die potenziell Betroffenen selbst am besten einschätzen können, welche Orte ein erhöhtes Gefährdungspotenzial bedeuten. Schließlich müssen sie tagtäglich mit der Gefährdung leben und haben entsprechende Verhaltensweisen entwickelt. Die Adressaten von Reisewarnungen sind also ausländische Besucher sowie – und das scheint uns bedeutsam – die Mehrheitsbevölkerung der BRD. Letztere hat nämlich Einfluß auf die Etablierung von Angstzonen, im positiven wie im negativen Sinn.

Görlitz, 30. Mai 2006