Robuste Zivilcourage lohnt sich (ND, 10.07.2008)
Im Muldentalkreis agieren lokal und regional verankerte Neonazis
Von Matthias Gärtner
Am Dienstag endete ein Strafprozess gegen den Angeklagten René W. am Amtsgericht Grimma (Westsachsen) mit einer Verurteilung wegen Landfriedensbruchs zu sechs Monaten Haft auf Bewährung.
Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Verurteilte am 19. Mai 2007 zu einer Gruppe von zirka 30 Neonazis gehörte, die in Colditz ein Punkkonzert mit Steinen und Flaschen angegriffen hatte. Dieser Angriff war der Auftakt für eine ganze Reihe von Aktionen, welche von der örtlichen Neonaziszene initiiert wurde und ein Klima der Angst in Colditz (Muldentalkreis) und Umgebung erzeugten.
Der Landkreis geriet in den 90er Jahren aufgrund seiner militanten rechtsextremen Szene in den medialen Fokus. Im Mittelpunkt stand dank aktiver Antifa-Recherche und zahlreicher Demonstrationen zumeist die Stadt Wurzen, 30 Kilometer östlich von Leipzig. Während sich in Wurzen eine alternative Szene behaupten und seit der Eröffnung eines alternativen Kulturzentrums im Jahr 2006 durchsetzen konnte, bleibt diese Art von Gegenkultur in Colditz eine Privatsache. Animiert von seinen Söhnen, die in einer Punkband spielten, organisierte der Betreiber eines Elektro-Fachgeschäftes Konzerte, die zumeist von alternativen Jugendlichen besucht wurden.
Die Antwort der Braunen auf die neuen Farbtupfer in der ansonsten grauen Colditzer Kulturszene erfolgte prompt. Die Übergriffe auf Migrantinnen und Migranten beziehungsweise vermeintlich Linke bis zum vorläufigen Höhepunkt am 23. Februar 2008 häuften sich. An diesem Tag marschierten 100 Neonazis unter den Augen der Polizei durch die sächsische Kleinstadt. Das Ziel war besagtes Elektro-Fachgeschäft. Der rechte Mob schlug die Scheiben ein und warf Brandsätze in das Geschäft. Auf dem Rückweg attackierten sie ein türkisches Restaurant, was in den letzten Monaten ebenfalls zur Zielscheibe des fast alltäglichen rechten Terrors wurde.
Urheber dieser Gewalt sind lokal und regional verankerte und überregional vernetzte Neonazis, die sich zum Teil in der Freien Kameradschaftsszene, die durch Militanz und Aktionismus berüchtigt ist, organisieren. Der Schulterschluss mit der NPD, die in der Region durch den Landtagsabgeordneten Winfried Petzold repräsentiert wird, dokumentiert sich beispielsweise bei einer Störaktion eines Friedensgebetes gegen Rechts am 14. April 2008. Während in der Kirche Neonazis die Anwesenden filmten und später ins Internet stellten, baute sich vor der Kirche die NPD auf, um Wahlwerbung zu betreiben.
Ganz unkommentiert wollen die Bürger von Colditz das Treiben der rechten Szene dennoch nicht lassen. Sie organisieren sich im »Bündnis für Colditz -- demokratisch, tolerant und weltoffen« und versuchen ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger für die Thematik zu sensibilisieren und letztlich die Zivilcourage zu stärken.
Nächster Meilenstein für den Kampf gegen Rechts soll der 1. September sein. Am Tag des Überfalls der Wehrmacht auf Polen lädt die engagierte Pastorin Lau zu einem Friedensgebet. Zuvor wird auf einem Bürgerfest auf dem Marktplatz von Colditz jeder willkommen geheißen, der sich in der Zielstellung des neuen Bündnisses wiederfinden kann.
Was robuste Zivilcourage konkret bedeuten kann, bewies die neuerliche Verhandlung. Der nunmehr verurteilte Angeklagte wurde zuvor von Besuchern des Konzertes bei der Flucht gestellt, was letztlich zu seiner Anklage und Verurteilung führte. Ein kleiner Sieg für die Zivilgesellschaft, auf den hoffentlich weitere folgen.
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