Italienischer Rotwein mit Hitler-Konterfei (SäZ, 13.9.06)
Italienischer Rotwein mit Hitler-Konterfei
Extremismus. Mit einer Razzia ist die Polizei gegen rechte Kameradschaften in Sachsen vorgegangen.
Von Carla Mattern und Karin Schlottmann
Sächsische Zeitung, 13.9.2006
Das sieht ja hier aus wie im Gruselkabinett, flüstert ein Fotograf leise. Hakenkreuzfahnen hängen an der Wand, Sturmhauben, Schreckschusspistolen, CDs einer Band namens Wotan, T-Shirts und Jacken mit Runenzeichen liegen auf den Tischen im Beratungsraum des Görlitzer Polizeireviers. Neben Computern steht auch eine Registrierkasse, daneben ein italienischer Rotwein mit Hitlerkonterfei und eine Getränkekarte. Diese Dinge stammen aus dem „Sturmlokal“, dem Treffpunkt der Mitglieder der „Kameradschaft Oberlausitz“ in Seifhennersdorf. Gestern dürfte den Vereinsmitgliedern das Feiern allerdings vergangen sein. Was die Staatsanwaltschaft Görlitz und Beamte der Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien nachmittags den Medien präsentierten, waren Gegenstände, die zuvor in Seifhennersdorf im Landkreis Löbau-Zittau, in Dresden, im bayerischen Augsburg und im baden-württembergischen Mühlacker sichergestellt wurden.
23 Wohnungen von Mitgliedern des rechtsorientierten „Jungsturms 41“ und der „Kameradschaft Oberlausitz" wurden durchsucht. Allein in Sachsen, wo 20 der verdächtigen Oberlausitzer leben, waren 82 Polizisten im Einsatz.
Die Polizei wirft ihnen Volksverhetzung und die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen vor. Die „Kameradschaft Oberlausitz“ ist nach Erkenntnissen des Landesamtes für Verfassungsschutz eine rechtsextremistisch orientierte Skinheadgruppe, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Ihr gehören derzeit etwa 40 Mitglieder an, sagte der Sprecher des Amtes, Alrik Bauer, der SZ. Die ehemals Jüngeren unter ihnen gehörten früher dem „Jungsturm“ an. Innerhalb der rechtsextremistischen Szene in Ostsachsen ist die „Kameradschaft Oberlausitz“ nach Erkenntnissen der Verfassungsschützer eine „überdurchschnittlich aktionswillige“ Organisation. In Seifhennersdorf sei sie im Alltag ständig präsent.
Übergriffe gegen Aussteiger
Das Landesamt hat Hinweise, dass die „Kameradschaft“ gegen Aussteiger aus der rechtsextremistischen Szene mit Gewalt vorgeht. Opfer seien aus Angst nicht bereit, Übergriffe bei der Polizei anzuzeigen. Es habe auch schon Aussteiger gegeben, die aus Seifhennersdorf weggezogen sind, sagte Bauer.
Zum Repertoire der „Kameradschaft“ gehören szenetypische Veranstaltungen wie Sonnenwendfeiern und Sportwettkämpfe, die sie „germanischen Zehnkampf“ nennen. Zu einem rechtsextremistischen Konzert in Zittau im vorigen Januar kamen nach Angaben des Landesamtes 150 bis 200 Gleichgesinnte. Am 8. Mai zogen bis zu 30 schwarz gekleidete Mitglieder unangemeldet durch Seifhennersdorf. Am Kriegerdenkmal und am Denkmal am Rathaus legten sie Kränze nieder mit den Aufschriften „Kameradschaft Oberlausitz“, „Ehre wem Ehre gebührt“ und „Ewig lebt der Toten Tatenruhm“.
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