AMAL Sachsen

AMAL - Hilfe für Betroffene rechter Gewalt

Diese Webseite dient bis auf weiteres als Archiv der Arbeit des Beratungsprojektes
AMAL - Hilfe für Betroffene rechter Gewalt in den Jahren 2001-2008.
Für die Beratung ist seit Anfang 2008 die Operberatung RAA Sachsen zuständig.

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Die Angst bleibt, (SäZ, 10.09.08)

Von Michael Kraske

Die Neonazi-Kameradschaft „Sturm 34“ ist seit einem Jahr verboten. Die rechte Gewalt geht weiter. Opfer erzählen von ihrer Furcht im Alltag.

Sie sitzen gemütlich um den Küchentisch, trinken Kaffee aus großen Tassen und plaudern über den alltäglichen Schrecken in diesem Haus in Geringswalde bei Döbeln. Sandra, 28, und Antje, 20, tragen in dieser Geschichte geänderte Namen. So wie Markus, 21, den sie mit Autos jagten und mit Keulen angriffen, und Rainer, 28, den Vermummte nachts in einer Wohnung überfielen. Sie fürchten, dass die Täter wiederkommen. Sie brauchen nicht noch mehr Ärger.

Sandra und Antje sind normale junge Frauen. Sandra ist Mutter und arbeitet. Antje macht eine Ausbildung, die Strähnen in ihrem Haar würden in der Großstadt nicht auffallen, in Geringswalde, wo es in den Seitenstraßen ländlich wird, reicht es, um ein Punk zu sein. Die Frauen erzählen, wie rechte Täter über Monate immer wieder versuchten, in ihr Haus einzudringen, wie sie einen Nachbarn verfolgten, wie sie die Wechselsprechanlage zerstörten, gegen die Tür traten. „Wir haben öfters die Polizei gerufen“, sagt Antje, „die haben immer ganz schön auf sich warten lassen.“ Sandra sagt: „Auf den Kleenen nebenan hatten die Nazis ein Kopfgeld ausgesetzt.“

„Wir kriegen euch“

Sandra ist resolut. Wenn sie von jenem Mai-Wochenende erzählt, klingt das nicht dramatisch, eher nach Normalität. „Nachts um vier bin ich wach geworden, weil sie die Fassade mit Steinen beschmissen. Drei oder vier Täter, das Nummernschild vom Wagen war abgeklebt. Das dauerte einige Minuten, dann waren sie weg.“ Die Frauen sind morgens auf die Straße gegangen, haben Glassplitter zusammengefegt. Sie wollten kein Gerede von den Nachbarn. „Da ist das Auto noch mal zurückgekommen. Einer zeigte einen Stinkefinger, da sah man seinen Quarzhandschuh“, sagt Antje. Mit Quarzsand gefüllte Handschuhe benutzen Neonazis, um besser zuschlagen zu können. „Wir kriegen euch“, habe einer gerufen. Die Angreifer fotografierten zudem das Haus, berichten die Frauen. Sie kennen die Autos der Neonazis: den hellblauen Opel Corsa, den roten Opel, den in Grünmetallic. Wenn die unterwegs sind, rufen sich Antje, Sandra und ihre Freunde an: Bleibt lieber zu Hause. Sie fahren wieder ihre Runden.

Es klingelt. Antje muss runter, weil der Türöffner zerschlagen wurde. Nacheinander trampeln Markus, 21, Christoph, 24, und Stefan, 20, in die Küche. Christoph trägt die Haare wie ein Punk, die anderen tragen Turnschuhe und Basecaps. Sie unterscheiden sich äußerlich nicht von den Rechten, die Springerstiefel gegen moderne Straßenkleidung getauscht haben.

Markus erzählt vom 16. Februar, als er mit vier Freunden von einer Demo gegen Rechts aus Borna heimfuhr. „Bei Colditz haben wir gemerkt, dass ein Auto hinter uns ist, das hat uns überholt und ausgebremst. Wir sind rechts über einen Weg weggekommen, über die Dörfer, dann kamen drei Autos, die uns jagten.“ Sie seien mit dem Wagen durch den Wald entkommen, dann in die Zange genommen worden: ein Auto vorn, eins hinten. „Da kam eine Horde auf uns zu, mit Knüppeln und Sturmhauben und haben auf das Auto eingekloppt“, erzählt Markus. Die Freunde setzten zurück, gaben wieder Gas. „Einer ist uns aufs Auto gesprungen.“

Neonazis auf Streifenfahrt

Die Flucht gelang. Die Verfolger bogen ab, die jungen Männer retteten sich mit dem schrottreifen Ford Fiesta nach Döbeln, wo eine Polizeistreife wartete. Die Freunde hatten per Handy den Notruf gewählt, das Nummernschild der Angreifer durchgegeben. „Ich hab Anzeige gemacht“, sagt Markus, seither habe er nichts von der Sache gehört. Auf Anfrage teilt Staatsanwalt Ricardo Schulz ein halbes Jahr nach dem Überfall mit, dass gegen zwei tatverdächtige Männer im Alter von 22 und 25 Jahren wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Sachbeschädigung ermittelt werde. Ob es ein rechtes Motiv gebe, werde noch geklärt.

Es war nicht das erste Mal, dass Markus Opfer einer Neonazi-Streife wurde. „Anfang des Jahres wollten wir nach Rochlitz, da wurden wir ausgebremst und sind denen draufgefahren. Totalschaden.“ Markus arbeitet als Mechatroniker. Er nippt lieber an seiner Bierflasche, als viele Worte zu machen, bauscht nicht auf. Er hat schon zu viel erlebt. In ihrem alten Treffpunkt wurde Feuer gelegt. Soziologen nennen Jungs wie ihn „nichtrechte Jugendliche“. Das heißt: Wer anders als rechts ist, wird mancherorts zum Feind, der bekämpft wird.

Einige Kilometer weiter sitzt Rainer mit jungen Leuten unter dem Wellblechdach vor einer schmucklosen Hütte in Rochlitz. Die nennen sie „Alte Schmiede“. Solange es Fenster gab, wurden die zerschlagen. Auf dem Heimweg wurden Besucher überfallen.

Rainer, 28, sieht aus wie ein Wikinger, fühlt sich aber als Punk. Er spricht über jenen 17. Juli: „Wir saßen bei einem Kumpel und haben Trickfilme auf MTV geguckt, sieben Kerle, auf einmal klingelts.“ Der Mieter öffnet die Tür, es ist 23.45Uhr. Er wird von einer Faust im Gesicht getroffen, geht zu Boden. Vier Vermummte stürmen hinein, einer prügelt mit einer nagelgespickten Holzlatte los. „Das dauerte eine Minute, einer hat CS-Gas versprüht“, sagt Rainer. Den Freunden gelingt es, die Angreifer rauszu drängen. Mit dem Fahrrad fährt Rainer zur nahe gelegenen Polizeiwache von Rochlitz. Was er da erlebt, schildert er so: „Die haben gesagt: Wir haben nur ein Fahrzeug. Sollen wir in Chemnitz Verstärkung rufen, oder wollt ihr morgen wiederkommen?“ Rainer will sofort Hilfe.

In der selben Nacht schleudern Unbekannte zwei Molotow-Cocktails auf ein Dach der „Alten Schmiede“. Eine Lunte fängt Feuer. Anwohner können löschen. Die Polizei greift an einer Tankstelle in Mittweida zwei junge Frauen und fünf Männer auf. Die Jüngste ist erst 16, der Älteste 27. Später werden gegen die Männer Haftbefehle wegen des Verdachts der schweren Brandstiftung und gefährlichen Körperverletzung erlassen, zwei ins Gefängnis gebracht. Zwei Monate danach kann die Polizei auf Anfrage nicht mitteilen, ob die Täter der rechten Szene angehören. Fest steht, dass es erklärtes Ziel der verbotenen Kameradschaft „Sturm34“ war, den Jugendclub zu vernichten. Punk sein in Rochlitz heißt Trickfilme mit Freunden gucken und Konzerte hören in der Alten Schmiede. Das reicht, um Opfer zu werden.

Die Polizei ist unterbesetzt

André Löscher berät für den Verein RAA Sachsen Opfer rechter Gewalt. Er beobachtet, dass diese Gewalt trotz des Verbots von „Sturm34“ weitergeht: „Mir sind fünf Fälle bekannt, wo in Wohnungen eingedrungen wurde.“ Löscher kritisiert die Polizei. Nicht, weil sie gegen Rechts nicht will, sondern weil sie nicht kann: „Die sind einfach unterbesetzt.“ In Geringswalde, wo Antje und Sandra wohnen, gibt es keine Polizeiwache. Im benachbarten Rochlitz, wo Rainer überfallen wurde, werden Gewaltopfer schon mal auf morgen vertröstet. „Wir haben fünf Fälle, wo es fast eine Stunde gedauert hat, bis die Polizei da war“, sagt Löscher, „da ging es nicht um Bagatellen, sondern um Körperverletzungen.“

„Sturm34“ ist seit anderthalb Jahren verboten. Anführer Tom W. sitzt in Haft, eine weitere Freiheitsstrafe ist seit wenigen Tagen rechtskräftig. Mehrfach fielen der Polizei seither Autos mit Kameraden auf. Die Beamten ermittelten, weil nun bereits ein Treffen strafbar ist. Abschreckend auf rechte Täter scheinen jedoch weder die ersten Urteile noch der Versuch zu sein, das Verbot durchzusetzen. Löscher glaubt, dass die Neonazis sich angepasst haben: „Die handeln als autonome Nationalisten. Wenig Organisation, dafür extrem aktionistisch.“ Der „Sturm 34“ hatte eine Hierarchie, einen Treffpunkt, Armbinden. Bei Gründung wurde beschlossen, mit Gewalt eine „national befreite Zone“ zu schaffen. Es folgten etliche gefährliche Körperverletzungen, bis zum Verbot verging ein Jahr. Dem Dresdener Landgericht reichte das nicht, um „Sturm 34“ als kriminelle Vereinigung abzuurteilen. Der Staat tut sich schwer mit organisierten Neonazis, mit schwach organisierten erst recht.

Panik in der Nacht

Sandra und Antje haben aufgehört, auf den Staat zu vertrauen. Sandra wird wegziehen. „Wenn es nur um mich ginge, würde ich bleiben und kämpfen bis zum Umfallen, aber ich habe ein Kind“, sagt sie. Vor einigen Wochen habe ihr Kind zugesehen, wie vor dem Haus ein Punker zusammengeschlagen wurde. „Mein Kind hat sich danach benommen wie ein Kleinkind“, erzählt Sandra, „da hieß es: Ich geh ohne meinen Teddy nicht mehr aufs Klo.“ Das war zu viel für sie.

Antje kommt aus der Großstadt, wo Aussehen und Einstellungen keinen störten. Wo sie ausging und allein nach Hause lief. Ihre neue Heimat bietet Angst. Aber sie will die gemütliche Küche nicht räumen, und Geringswalde auch nicht. „Ich hab meine Lehre hier, ich kann nicht weg, und ich will mich nicht vertreiben lassen“, sagt sie. Neulich Nacht, als wieder jemand ums Haus schlich, sei sie aufs Dach geflüchtet. Ihr Freund schrecke nachts hoch, wenn er vor dem Fenster Stimmen hört: „Der kriegt richtig Panik.“

Wenn sie erzählt, was sie zu ihrem Schutz tut, hört sich das an, als befinde sie sich im Bürgerkrieg: „Wenn ich rausgehe, habe ich Pfefferspray dabei. Im Auto haben wir einen Schlagstock liegen. Für die Wohnung haben wir uns eine Schreckschusspistole mit Pfefferspray-Kugeln besorgt.“ Die Polizei erwähnt sie nicht.