Der einsame Kampf einer "Mutter" (FP, 04.10.2008)
Verein macht sich für nigerianische Familie stark - Kundgebung in Reichenbach stößt auf wenig Resonanz
Von Jeannine Näumann
Reichenbach. "I cannot understand." (Ich verstehe das nicht.) - Immer wieder sagt Tina Claudia Omoroghomwan diesen Satz. Sie sitzt auf einer Bank, den Kopf geneigt. Die 34-jährige Nigerianerin ist seit zwei Monaten getrennt von ihren drei Mädchen. Das Jugendamt hat die Vormundschaft übernommen, nachdem klar geworden war, dass Omoroghomwan nicht die leibliche Mutter der Kinder ist. Ein üblicher rechtlicher Vorgang, begründet die Behörde. Die fünf Afrikaner fühlen sich jedoch als Familie und haben entsprechende Bindungen zueinander entwickelt, versichert die "Mutter".
"Wir fordern, dass die Familie wieder zusammenkommt", sagt Gertraud Pichlmeier, eine Freundin der Asylbewerberin. Gemeinsam mit dem Jenaer Flüchtlingshilfeverein "The Voice Refugee Forum" hat sie deshalb am Donnerstagnachmittag eine Kundgebung auf dem Reichenbacher Solbrigplatz organisiert. "Wir wollen auf den Fall aufmerksam machen", begründet Pichlmeier.
Die Nigerianerin kam vor vier Jahren ins Vogtland. Seitdem lebt sie mit ihrer leiblichen Tochter Damianna (6 Jahre) und einer ihrer Nichten (8 Jahre) im Asylbewerberheim in Posseck. Die Achtjährige sei die Tochter ihres Bruders, erzählt die Nigerianerin. Er und dessen Frau seien 2002 bei einem Autounfall in Nigeria ums Leben gekommen. Tina Claudia Omoroghomwan habe dann die drei Mädchen adoptiert, erzählt die Frau. Die Älteren (14 und 13 Jahre) kamen später nach Deutschland. Seitdem leben sie zusammen in Posseck. "Die Bedingungen im Asylbewerberheim wurden für die drei Mädchen bald untragbar, weil sie die Isolation in dem nahezu leeren, sehr abgeschiedenen Asylbewerberheim psychisch enorm belastete", weiß Juliane Wetendorf von der Opferberatung in Chemnitz. Sie flüchteten und kamen ins Jugendwohnheim der Arbeiterwohlfahrt in Treuen. Getrennt leben von ihrer Mutter - wie sie Tina Claudia Omoroghomwan nennen - wollten sie aber nie. Sie wünschten sich, bald wieder zusammen zu leben, aber in einer eigenen Wohnung, so stellt es die Mutter dar.
Doch ein Vorfall am 16. Mai änderte für die Familie alles. "Die drei Schwestern sind von Polizisten gewaltsam zurück ins Asylbewerberheim transportiert worden", berichtet Wetendorf. Die Beamten hätten die Kinder mit Handschellen gefesselt zurückgebracht. Die Umstände der Aktion, bei der die Polizei für das Jugendamt Amtshilfe leistete, untersucht derzeit die Staatsanwaltschaft in Zwickau. Das Jugendamt spricht von einer "Eskalation aus heiterem Himmel" . Die Kinder seien ohne Vorwarnung "durchgedreht", so Amtsleiter Berthold Geier. Erfahrene Mitarbeiter des Jugendamtes seien mit dem Fall betraut gewesen. Nach dereren Schilderungen liege die Vermutung einer "gezielten Inszenierung" nah. Rätselraten herrscht in der Behörde über die Gründe. Eine Forderung der Familie, nach Reichenbach umzuziehen, hätte man zum Schuljahresende erfüllen wollen. Die Zeit in Posseck wäre wenige Wochen später Geschichte gewesen, so Geier. Den Wunsch nach einer Wohnung habe man allerdings abgelehnt, räumt er ein. Eine tiefer gehende öffentliche Darstellung des Falls lehnt das Jugendamt aus Rücksicht auf die Kinder ab. Die Informationen liegen der "Freien Presse" jedoch vor.
Nach dem Polizeieinsatz hat Tina Claudia Omoroghomwan die Vormundschaft verloren, weil sie nicht die leibliche Mutter sei und keine Adoptionspapiere besäße. "So begründet die Behörde die Maßnahme", weiß Wetendorf. Derzeit leben die Mädchen in einem Kinder- und Jugendheim im Obervogtland. "Sie verstehen die Welt nicht mehr", sagt Wetendorf. Nur einmal im Monat ürfen sie "ihre Mutter" sehen. Demnächst gibt es eine Anhörung vor dem Familiengericht. "Ich hoffe, dass die Fünf bald wieder zusammen kommen", hofft Wetendorf. (mit tb)
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