AMAL Sachsen

AMAL - Hilfe für Betroffene rechter Gewalt

Diese Webseite dient bis auf weiteres als Archiv der Arbeit des Beratungsprojektes
AMAL - Hilfe für Betroffene rechter Gewalt in den Jahren 2001-2008.
Für die Beratung ist seit Anfang 2008 die Operberatung RAA Sachsen zuständig.

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„Das war für alle ein Schock“ (SäZ, 21.01.2009)

Im Prozess um ausländerfeindliche Ausschreitungen in Dresden während der Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Jahr haben Zeugen von einem äußerst brutalen Vorgehen der Täter berichtet.

Dresden - Ein 36-jähriger Libanese sagte vor dem Landgericht aus, die Angreifer hätten ohne jede Vorwarnung das Lokal gestürmt und verwüstet. Einer der Täter habe ihn mit einer Bierflasche am Kopf verletzt. Angeklagt ist ein 21-jähriger Neonazi aus Freital bei Dresden wegen Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung.

Er soll per SMS bis zu 60 Gleichgesinnte zu Attacken auf türkische Lokale aufgerufen haben und an zwei weiteren Überfällen beteiligt gewesen sein. Mehrere Dutzend Maskierte hatten im Juni 2008 nach dem Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft im EM-Halbfinale gegen die Türkei mehrere türkische Lokale angegriffen und demoliert. Mindestens vier Menschen wurden teils erheblich verletzt.

Schwarz gekleidet und maskiert

Der Zeuge sagte, mit dem Angriff habe niemand gerechnet, zumal die deutsche Mannschaft an dem Abend gewonnen habe. „Der Überfall war für alle ein Schock, ich hatte große Angst.“ Andere Zeugen berichteten von einem offenkundig geplanten Vorgehen. Die Angreifer seien alle schwarz gekleidet und maskiert gewesen. Ein Lokalbesucher sagte aus, die Täter hätten Tische, Stühle und einen Fernseher von außen gegen die Scheibe geworfen. Er habe sich neben die Eingangstür auf den Boden geworfen. Seine Tochter habe hinter einem Blumenkübel Schutz gesucht.

Die Polizei ermittelt in dem Fall gegen mehrere Dutzend Personen. Bereits kurz nach der Tat waren rechtsextremistisch eingestellte Hooligans als Täter in Verdacht geraten. (AP)

Hooligan Willy K. schweigt weiter (SäZ, 21.01.2009)
Von Alexander Schneider

Die Frage ist spekulativ, aber viele haben sie schon gestellt: Wie viele Zuschauer des Prozesses gegen Willy K. waren möglicherweise selbst an den Überfällen auf türkische Lokale beteiligt? Sicherlich einige. Auch am gestrigen dritten Verhandlungstag saßen wieder eine Vielzahl der Polizei etwa von Fußball-Krawallen bestens bekannte Hooligans im Publikum. Möglicherweise deshalb hatte das Landgericht die Polizei um Hilfe gebeten: Uniformierte Polizisten haben die Justizbediensteten verstärkt.

Willy K. steht nun bereits seit einer Woche vor Gericht. Der 21-jährige Rechtsextremist ist laut Anklage unter anderem Drahtzieher der fremdenfeindlichen Überfälle auf türkische Lokale in der Dresdner Neustadt während der Fußball-EM. Er muss sich wegen Landfriedensbruchs verantworten. Weiter soll er an zwei anderen Schlägereien beteiligt gewesen sein.

Gestern berichteten die ersten Opfer über die Überfälle von 30 bis 50 dunkel gekleideten und teils vermummten Tätern, die nachts nach dem Halbfinale Deutschland gegen Türkei in die Neustadt gezogen sind. Erste Station war ein Döner-Imbiss am Albertplatz. Ohne Ansage stürmten die Täter in das Lokal, warfen Tische und Stühle in das Geschäft, rissen Fernsehgeräte um, sie zündeten sogar Böller.

Mitarbeiter Walid F. (36) stand gerade am Kühlschrank vor dem Laden, als er plötzlich bedrängt wurde. „Ich flüchtete ins Geschäft, als mir einer eine Flasche auf den Kopf schlug“, sagte der Libanese. Er blutete stark. Im gleichen Moment stand Hausmeister Frank B. (52) an der Tür des Ladens und hechtete sich nach drinnen, wie er sagte. Er war eigentlich zum Feiern eingeladen worden. „Es knallte ganz schön, mehrmals“, sagte er. „Das war ein richtiger Tumult.“ Nach wenigen Minuten seien die schwarzen Gestalten weitergezogen. Beide Geschädigten hatten den Eindruck, den auch die Polizei teilt: Der Überfall war eine abgesprochene Sache.

Mindestens vier Menschen wurden am Albertplatz und in der Alaunstraße zum Teil schwer verletzt. Auch Walid F.s Wunde musste in einer Klinik genäht werden. Schlimmer sind die psychischen Folgen der Tat. Der Imbiss-Mitarbeiter wurde schwer traumatisiert, muss noch immer psychologisch behandelt werden. Die Sache ist für ihn noch lange nicht ausgestanden.

Der Prozess wird heute fortgesetzt und soll bis März dauern. K. hat sich noch zu keinem Vorwurf geäußert. Dafür hielt er Blickkontakte zu seinen Kumpels im Publikum. Gestern trug er ein Kapuzen-shirt, auf dem groß „stabil“ stand. Willy K. wird weiter schweigen.