Julius Rumpf Preis
Julius Rumpf Preis
Der Julius-Rumpf-Preis wird seit 2000 jährlich von der Martin-Niemöller-Stiftung verliehen und versteht sich als Förderung und Ermutigung des Engagements für Toleranz, gewaltfreie Konfliktlösungen, Mitmenschlichkeit und Versöhnung. Der Preis soll an den unspektakulären, aber geradlinigen Widerstand des Pfarrers Julius Rumpf gegen das NS-Regime erinnern und das Vorbildhafte dieser Haltung würdigen.
Am 21.10.2006 wurde der Julius-Rumpf-Preis an AMAL – Hilfe für Betroffene rechter Gewalt verliehen. Die Laudatio hielt der ehemalige Bürgermeister von Wiesbaden und Görlitzer Ehrenbürger Achim Exner.
http://www.martin-niemoeller-stiftung.de
Preisverleihung: Julius Rumpf Preis am 21.10.2006 in Görlitz
Presse
- Stiftung ehrt Görlitzer Initiative gegen rechte Gewalt (SäZ, 16.9.06)
- Hoffnung und neuer Lebensmut - Ehrung: Die Görlitzer Initiative Amal erhält für ihr Engagement gegen Rechtsextremismus den Julius-Rumpf-Preis (SäZ, 19.10.06)
- Amal-Verein erhält Preis von Niemöller-Stiftung (LVZ, 27.9.06)
- Preisgeld fließt in ein Bildheft gegen rechte Gewalt (SäZ, 16.10.06)
Rede von Martin Stöhr auf der Preisverleihung
G Ö R L I T Z / 21.10.06 (Es gilt das gesprochene Wort)
Es ist jetzt viel von einem "neuen deutschen Patriotismus" die Rede. Er sei heiter und unverkrampft, wie die Fußballweltmeisterschaft gezeigt habe. Ja, ich habe mich auch darüber gefreut, klar. Fußball spielende Millionäre sind auch leichter zu genießen, wenn sie gut spielen und auch bald wieder abreisen. Flüchtlinge aber haben es schwerer. Sie suchen in unserem Land Zuflucht vor Hunger, Verfolgung, Krieg oder Arbeitslosigkeit oder sie wurden von unserem früheren Weststaat oder Oststaat für unsere Industrien als Arbeitskräfte ins Land geholt. Ich höre und lese, dieser neue Patriotismus habe sich endlich gereinigt von jenem unsauberen Nationalismus billiger Überlegenheitsgefühle, der sein Selbstwertgefühl nur genießen kann, wenn er - gedanklich oder tatsächlich - andere Menschen oder Minderheiten unter sich treten kann.
Der schmutzige Nationalismus hatte sich in der deutschen Geschichte so gewaschen, dass manche Nachbarvölker und deutsche Minderheiten wie Juden, Roma und Sinti mit Schrecken sich daran erinnern. Ein solches deutsches Nationalgefühl respektiert die nicht, die aus anderen Ländern, Kulturen oder Lebensstilen kommen. Er will sie nicht auf gleicher Augenhöhe und als gleichberechtigten Nachbarn neben sich achten. Verachten mit Gleichgültigkeit oder zerreißfesten Vorurteilen ist einfacher. Dann wird die Minderheit der Ausländer als Bedrohung der braven Inländer gesehen. Sie sollten sich, bitte schön, anpassen, wenn sie schon in unser Land kommen. Schließlich gäbe es eine deutsche Leitkultur und unsere abendländischen Werte. Wenn auch viele eingeborene Deutsche nicht wissen, was das ist oder sich nicht daran halten, so sollen wenigstens die Ausländer sie lernen und beachten.
Zur deutschen Leitkultur, zum Thema Fremdenhass und Rassismus hat ein deutscher Flüchtling drastisch ein paar Wahrheiten formuliert. Der 1933 in die USA vertriebene Schriftsteller Carl Zuckmayer schildert die angebliche "Reinheit" des deutschen Volkes in seinem Theaterstück "Des Teufels General" so:
"Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch,…, Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündener Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flößer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das alles hat am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Liebe! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben!"
Gegen jeden nationalen Reinheitswunsch – Deutschland den Deutschen, Deutsche Arbeit für Deutsche, ...... setzen wir die Liste fort und nennen Polen und Franzosen, die seit Jahrhunderten zugunsten von Bergbau, Fußball, Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft hier einwanderten wie Deutsche seit Jahrhunderten als Armuts- oder Wirtschaftsflüchtlinge, wegen religiöser oder politischer Verfolgung auswanderten. Türkische, vietnamesische oder afrikanische Zuwanderer sind die zuletzt Gekommenen. Sie alle leisten inzwischen zum Bruttosozialprodukt unseres Staates größere Beiträge als sie an Renten herausbekommen. Es ist auch ihr Staat und ihre Gesellschaft. Deswegen heißt der erste Artikel unseres Grundgesetzes "Die Würde des Menschen (nicht nur der deutschen Passbesitzer!) ist unantastbar. Sie zu schützen ist Aufgabe des Staates."
Nun wissen wir alle ganz genau, dass dieser Satz in der Verfassung unseres Staates steht, weil häufig genug die Würde von Menschen angetastet wird. Die schmutzige Seite des Patriotismus hat ihre Aktivisten und genau so schlimm: Ihre Zuschauer oder Wegschauer. Sie schauen nicht auf andere herunter, sie schlagen sie auch nieder – mit Gleichgültigkeit, mit Ablehnung, mit Bürokratie, mit Schlagworten, mit Fußtritten, mit Baseballschlägern oder mit Brandstiftungen. Wer sieht die heimlichen Opfer? Wer kümmert sich um die in jedem Sinn des Wortes "Niedergeschlagenen"? Wer vermittelt Hilfe? Wer organisiert Opferberatung? Rechtsberatung? Aufklärung? Es sind jene Gruppen und Bürgerinitiativen, die ich heute besonders begrüße. Sie sind auch der Staat, der jene Einzelnen und Minderheiten schützt, deren Menschenwürde angetastet und an Leib und Seele verletzt wird. Zu lange
Diese Initiativen sind der menschliche Staat, der zu lange tausende Menschen abschiebt, auch wenn dadurch Familien auseinander gerissen werden, Kinder, die in Deutschland geboren und zur Schule gegangen in ein Land abgeschoben werden, das sie so wenig kennen wie deren Sprache. Die Illegalen zu legalisieren wird höchste Zeit, sonst wird deren menschenrechte weiter verletzt. Wir feiern heute in einer Zeit, in der durch kleinkarierte Entscheidungen der großen Koalition die Förderung der Initiativen gegen Rechts – wie es heißt – neu strukturiert werden soll. Das hat Entlassungen vieler Hauptamtlicher zur Folge. Diese bilden immer den Kern eines Netzwerkes von Ehrenamtlichen. Wird der Kern weggespart, bricht an vielen Orten unseres Landes die Arbeit gegen die völkischen und rassistischen Rattenfänger zusammen. Es tröstet überhaupt nicht, dass versprochen wird, im Frühjahr nächsten Jahres diesen Bereich neu zu finanzieren und anders als bisher zu ordnen.
Dazu soll – so eine Ankündigung – auch gehören, dass die Gelder nicht mehr zentral verteilt werden, sondern über die Kommunen. Und was ist, wenn die Kommune jene, die den braunen Schmutz deutlich beim Namen nennen, als Nestbeschmutzer betrachtet? Was ist, wenn Opfer keinen Beistand finden? Was ist wenn die Partei der Nichtwähler die größte Partei in Deutschland ist und man den Aufbau einer rechtsstaatlichen und humanen Gesellschaft denen "da oben" und denen da unten rechts überlässt? Was ist, wenn Prof. Baring Beifall für seine Wiesbadener Rede findet und viele ihm nachplappern, bei neonazistischen Gewalttaten (20% Zunahme 2006 bis heute) handle es sich um "Jugendverirrungen"? Konsequent ist für ihn dann die Nazidiktatur eine "bedauerliche Entgleisung". Die Rechtsextremisten sind für solche akademische Subventionen dankbar. Und das in einer Zeit, in der die Rechten mit ihren ausländerfeindlichen und antisemitischen Parolen bis in die Mitte der Gesellschaft, in Landtage und Kommunalparlamente vorgedrungen sind und mancher Zeitgenosse aus der Mitte der Gesellschaft sich ungeniert rechts Stimmen und Argumente holt. Und das in einer Zeit, wo soziale Probleme wie z.B. Arbeitslosigkeit und Globalisierung von den Rechten als angeblich ihre Themen aufgegriffen werden, ohne Lösungen dafür anzubieten. Ein Großversuch in Demagogie und Gewalt in Deutschland auf Kosten anderer reicht.
Die Martin-Niemöller-Stiftung verleiht den von der Familie Rumpf gestifteten Julius-Rumpf-Preis heute an die Initiative "Amal" in Görlitz. Das Wort "Amal" heißt Hoffnung. Die damit verbundene Praxis stiftet Hoffnung – bei denen, die mit großen Hoffnungen in unser Land kommen und nicht selten hierzulande bittere Erfahrungen der Ablehnung und der Gewalt machen – nein, nicht machen müssen, sondern wirklich machen. Gruppen wie Amal stehen dafür, dass dergleichen nicht um sich greift, sondern Menschlichkeit und Recht, Solidarität und Wachsamkeit das Klima in unserer Gesellschaft menschlicher machen.
Der Namensgeber unserer Stiftung, Martin Niemöller, und sein Freund Julius Rumpf haben auf unterschiedliche Weise erfahren, was es heisst sich einzumischen, wenn es um Menschenrechte geht, wenn man sich auf die Seite der Opfer stellt. Dem einen brüllte Hitler nach: "Der Pfaffe soll sitzen, bis er schwarz wird." Und er saß 7 Jahre im KZ. Der andere verlor Arbeit und Heimat. Beide waren nicht bereit, die Menschlichkeit und die Mitmenschen "schuldhaft zu verraten". So beschreibt Niemöller das Erbe des Widerstandes gegen den Antisemitismus und Rassismus, die eine deutsche Regierung für 12 Jahre bilden konnte. weil sie zu wenig Widerspruch und Widerstand, zuwenig Nächstenliebe und Tapferkeit im Alltag erlebten. Niemöller warnt vor einem "Hinschwinden der Kraft des Herzens und des Gewissens, die allzu leicht bereit ist, vor dem scheinbar Unausweichlichen zu kapitulieren."